Innauen Bever
- Revitalisiert
- 2012–2013 und 2017–2020, gut 2 km
- Flussbreite
- vorher 15 m, heute im Mittel rund 90 m
- Seltenster Gast
- Flussuferläufer: von 1–2 auf 10 Brutpaare
- Rundweg
- Gravatscha–Innauen, 3 km, 45 Min.
- Brutzeit
- Mitte April bis Ende Juli: auf den Wegen bleiben
Ein Fluss, der wieder wandern darf
Wer von der Chesa Michel Richtung Talboden spaziert, steht bald an einem Fluss, der anders aussieht als die meisten Flüsse der Schweiz: breit, mit Kiesbänken, Seitenarmen und Inseln, die nach jedem Hochwasser an einer anderen Stelle liegen. Der Inn zwischen Bever und La Punt ist eine der grossen Flussrevitalisierungen des Landes. Die Gemeinde nennt Bever das «Tor zur Auenwelt».
Hundert Jahre Dämme
Um 1850 beschloss Bever, den Inn zu kanalisieren – um Weiden und Wiesen bei Sur Ent und Isellas sowie die Brücke zu schützen. Kleine Erdwälle zur Entwässerung aus dieser Zeit sieht man noch heute zwischen der Isellasbrücke und dem Gravatschasee. Gebändigt war der Fluss damit nicht: Die Chronik verzeichnet Überschwemmungen und Dammbrüche 1885 und 1888, 1900, 1920, 1926, 1927 und 1940. Die 1950er-Jahre gingen als Jahrzehnt der Überschwemmungen in die Dorfgeschichte ein, mit Hochwassern 1951, 1954, 1955, 1956 und 1957. Am schlimmsten war der August 1954: Nach grossen Dammbrüchen lagen Schlamm, Sand und Kies auf den Wiesen; das Dorf selbst blieb verschont. Danach wurde der Inn in ein enges, gerades Bett gezwängt.
Die Idee: Platz statt Beton
Als die alten Dämme saniert werden mussten, hätte eine reine Reparatur rund CHF 700 000 gekostet. Die Gemeinde entschied sich anders. Vorbild war die Verlegung des Flaz bei Samedan, die 2002 bis 2004 gebaut wurde. 2007 gab der Gemeindevorstand eine Studie in Auftrag, dann ging es in zwei Etappen:
| Etappe | Zeit | Umfang |
|---|---|---|
| 1. Etappe, linkes Ufer | Frühling 2012 bis Herbst 2013 | rund 660 m, rund CHF 2,4 Mio. |
| 2. Etappe, rechtes Ufer | Juni 2017 bis Sommer 2020 | rund 1,5 bis 1,7 km, rund CHF 9 Mio. |
Insgesamt wurden 2,2 km Damm am Inn und 150 m am Beverin abgebrochen. Das Flussbett ist heute im Mittel rund 90 m breit statt 15 m, in der ersten Etappe stellenweise bis 200 m. Die Dämme konnten nur zwischen September und November zurückgebaut werden, ausserhalb der Hochwasserzeit. Bezahlt haben Bund und Kanton den grössten Teil, dazu Pro Natura, der Fonds Landschaft Schweiz, der naturemade-star-Fonds des ewz und die Ernst-Göhner-Stiftung. Gemeindepräsident Fadri Guidon trat übrigens rund 100 m² eigenes Land ab – es liegt heute mitten im Fluss.
Der Fluss macht, was er will
Genau das war die Absicht, und der Inn hat sie wörtlich genommen. Schon im ersten Sommer nach der ersten Etappe riss er eine Lücke in einen Erdwall. Im September 2015 brach er gross durch und schuf sich einen neuen Seitenarm. Im Juni 2019 füllte ein Hochwasser das neue Bett der zweiten Etappe zum ersten Mal, und das Hochwasser Ende August 2020 formte die Landschaft erneut um. Die Gemeinde spricht von einer «Landschaft, die nie fertig ist». Im September 2020 wurde das Gebiet für Besucher eröffnet.

Wer hier lebt
Die Innauen sind heute einer der wichtigsten Lebensräume für Vögel, die auf offenen Kiesbänken brüten:
- Flussuferläufer: In der ganzen Schweiz gibt es nur rund 100 Paare, die Art gilt als stark gefährdet – und rund ein Fünftel des Schweizer Bestands lebt am Inn. Vor der zweiten Etappe brüteten auf dem Abschnitt ein bis zwei Paare, danach zehn, auch 2022 und 2023. Im Sommer 2017 flogen oberhalb der Isellasbrücke erstmals seit langem wieder Junge aus.
- Flussregenpfeifer: mindestens zwei Brutpaare. Er baut kein Nest, sondern legt seine Eier zwischen die Steine – deshalb ist es so wichtig, die Kiesbänke im Frühling nicht zu betreten.
- Wasseramsel: gut zu beobachten, wie sie am Ufer ins Wasser taucht.
- Biber sind heimisch geworden, zwischen Samedan und Bever schützen Gitter die Bäume. Auch mehrere Paare Fischotter leben am Fluss.
- Fische: Die Äsche ist eine Zielart der Revitalisierung; sie braucht Wasser, das nicht wärmer als 15 °C wird. Dazu kommt die Bachforelle. Fischgängige Durchlässe verbinden die neuen Binnengewässer mit dem Inn.
- Kreuzotter: Die einzige Schlange des Oberengadins lebte in den Ritzen der alten Dämme. Sie wurde umgesiedelt und bekam neue Steinhaufen.
Die Vogelwarte Sempach beobachtet das Gebiet seit 2008. 2022 zählte sie in vier Sommermonaten 13 500 Besuchende – im Schnitt 100 pro Tag, an schönen Ferientagen über 200. Mehr als 95 % blieben auf den Wegen.

Rundwege durch die Auen
- Rundwanderung Gravatscha–Innauen: rund 3 km, etwa 45 Minuten, praktisch flach, kinderwagentauglich. Start und Ziel am Parkplatz Isellas, wo eine Infotafel das Projekt erklärt; unterwegs gibt es Grillstellen. Route: Isellas – Lej Gravatscha – Camping Gravatscha – Isellas.
- Digitaler Rundweg ab Bahnhof Bever: 7,2 km, rund zwei Stunden. Im Schaukasten am Bahnhof scannen Sie einen QR-Code; das Telefon führt Sie mit GPS durch die Auen. Ein Feldstecher lohnt sich.
- Im Winter führt eine Langlaufloipe von der Promulins Arena in Samedan über Gravatscha und die Innauen nach Bever (7,6 km). Mehr zu den Loipen im Beitrag Langlauf-Paradies vor der Haustür: das Val Bever.
Führungen: Im Sommer bietet die Gemeinde jeweils kostenlose Führungen durch die Innauen an (rund anderthalb Stunden, ohne Anmeldung). Die Daten finden Sie bei der Tourist Information Bever und im Veranstaltungskalender von Engadin Tourismus. Für Schulklassen gibt es bei der Tourist Information Bever einen Forscher-Rucksack.
Richtig verhalten in der Brutzeit
Von Mitte April bis Ende Juli brüten die Kiesbrüter. Die Vogelwarte empfiehlt für diese Zeit, auf den Dammwegen zu bleiben und Hunde an der Leine zu führen; achten Sie auch auf die Tafeln vor Ort. Ein einziger Spaziergang über eine Kiesbank kann ein Gelege zerstören, das man zwischen den Steinen gar nicht sieht. Wer vom Damm aus mit dem Feldstecher schaut, sieht mehr – und stört nicht.
Der Beverin: Gewässerperle vor der Tür
Im Dorf mündet der Beverin in den Inn. Er kommt aus dem Val Bever und wurde am 25. Juni 2021 als erstes Gewässer überhaupt mit dem Label «Gewässerperle PLUS» ausgezeichnet – 13,5 km weitgehend unverbauter Wildbach. Dem Beverin entlang führt auch der Winterwanderweg nach Spinas; mehr dazu im Beitrag Winterwandern und Schneeschuh ab Bever.
Wie es weitergeht
Zwischen Bever und La Punt ist eine dritte Etappe geplant – rund CHF 52 Millionen, gekoppelt mit einer Umfahrung und der Verlegung der Bahnlinie. Nach Abschluss aller Projekte sollen im Oberengadin rund 17 km Fluss revitalisiert sein. Und schon heute gehört die Aue in Bever zu den Orten, an denen man sieht, was ein Fluss tut, wenn man ihn lässt.

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